An art collector on her way to the future. Next to her a contemporary artist. Both are close to each other and yet worlds apart.

Was Sie schon immer über A&O wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

Eine Annäherung in sieben Fragen.

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Es begann im Sommer 1989. A&O beendete abrupt seine bisherigen Undercover-Activities und überrollte die Öffentlichkeit. Im Rezitativ-Salon in der Kreuzberger Graefestraße, aber auch an anderen mysteriösen Orten der Stadt wucherten unvorhergesehene Produktionen. Zeugen berichteten bislang Widersprüchliches.

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Bunt sei‘ s schon, so ein häufig eingestreuter Kommentar. Laut sei‘ s auch. Und schnell ebenfalls. Im Gefolge entstanden etliche Legenden um die Drahtzieher des Rummels. Schließlich einigte man sich darauf, Künstler am Werke gesehen zu haben. Etwas anderes sei bei solch Produktivitätsschüben nicht denkbar. Ansonsten sei A&O aus der Bibel entlehnt, eine besonders glaubwürdige Interpretation, solange man die sakrale Funktion A&O‘scher Bild- und Tonwerke in vollem Umfang in Rechnung stellt.

Der Sinn dieser Aufklärungsschrift ist nun nicht, blühende Fantasie in bescheuklappte Schranken zu zwingen. A&O denkt zwar gern für andere mit, hütet sich jedoch, andere Gedanken zu unterbinden. Nur scheint es nach knapp einem Jahr mehr als angebracht, der Galerie ohne Eigenschaften solche einmal in schriftlicher Form nachzureichen. Denn, nicht jeder hat die Muße, akribisch allen Dates mit A&O nachzukommen. Und wer später kommt, ist schon genug gestraft und soll sich nicht noch mit dummen Fragen blamieren.

1.Was zum Teufel heißt inkonzeptable Wahrnehmungssysteme?

Das ergötzen am Wortklang gutgesetzter Fremdworte in Reihe hat A&O schon manchen Freund gewonnen. Nichtsdestotrotz schätzen wir nicht die Form ohne Funktion. A&O sind Kinder der multidimensionalen Wahrnehmung. Ein Ethnograf gäbe zu bedenken, dass uns zu viele Geschichten erzählt worden sind, man uns zu viele Mythen, zu viele Gleichnisse und Parabeln, zu viele logische Erklärungen serviert hätte.
Unser Dilemma liegt allerdings nicht unter den Quantitäten begraben, unter dem Zuviel, sondern unter der künstlerischen Diversifikation der Geschichten, ihrer Vielschichtigkeit in der Bedeutung, ihrer Abhängigkeit vom Moment und vom Blickwinkel. Unsere Mythen – wir kommen nicht drum herum, von Simulation zu sprechen – machen uns abhängig von der medialen Erläuterung der Welt. Ergo: Circulus vitiosus.

Kurzum, wir sind nur noch Wahrnehmungskonglomerate.
Und inkonzeptable Wahrnehmungssysteme meint lediglich, dass wir der Komplexität der Ich-Bildner nur durch Trial and Error beikommen können. Und nur mit den Methoden, die unwiderstehlich anziehende Schlünde für uns geworden sind.

 

2. Was macht A&O?

A&O stellt aus und führt vor. Es wäre somit eine ganz gewöhnliche Galerie. Von den herkömmlichen Schinkenhängern unterscheidet sie allerdings auch die Art der Präsentation – A&O ist gern da, wo man schwitzt und lacht, nicht da, wo der Begriff Ästhetik durchgehechelt wird. Über die Sachen, die bei A&O hängen, schweigt, lacht und freut sich sogar der Kunsthistoriker, wenn er sich traut. Artwork ist Artwork, und mit Neuem sollte man sich aus erster Hand anfreunden.

3. Woran glaubt A&O ?

Nun, an Augen und Ohren und daran, dass im Zeitalter des heiligen Fernsehers etwas zu Ihrer Rettung unternommen werden muss. A&O gebärdet sich mitunter äußerst moralisch – mit den Kniffen des Bösen zu rechnen beflügelt letztlich die Fantasie. Und in den Zeiten, wo Moral in die Hände des elektronischen Totalisators gelegt wird, kommt es ohnehin nicht darauf an, wer sich auf den Thron höchster Werte setzt. Damit uns keiner missversteht: niemand interessiert, wie schnell uns schlecht wird. Das überlassen wir beruhigt Postmännern und ihren Schäfchen.

4. Woran zweifelt A&O ?

Am Sättigungsgehalt offizieller Sinnlichkeitsbombardements. (Der Bildschirm sei hier wieder nur Metapher.) Denn die emsig betriebene Abfütterei nimmt uns zwar nicht den Hunger, wohl aber jeden Appetit. Wir befürchten mitunter, dass der Diätwahn unserer Mitwelt nicht nur den Körper elendiglich darben lässt, sonder auch nach anderen Vergnügungszentren greift. Wenn wir nicht aufpassen, gibt es nur noch einen Kick, und der nennt sich Askese.

5. Womit arbeitet A&O ?

Mit dem Offensichtlichen, womit wir täglich gefüttert werden. Mit den Bildern, die da sind. Wegen uns braucht kein einziges Bild neu gemacht zu werden. Es gibt schon genug, die nicht gesehen werden. Genug, was unter den Schichten Flimmerns und Rauschens verborgen liegt. Und vor allem genug, was noch nicht totgesabbelt und niederanalysiert wurde. Digitale Magie, am Ende kriegen wir dich!

6. Wie arbeitet A&O ?

A&O schnappt sich alles. Pornografie, Kunst, Special Effects, Dramatische Inszenierungen, Frauenbilder, die Semiologie von Liebe und Begehren, die Illustrationen vom Funktionieren, die Zeichen vom Reagieren. Dann kommen die Medien, die uns das Sehen beigebracht haben. Die Polaroid, die Videokamera, das Dia. Die Fotokopierer, die Reprokameras. Dazwischen ist Licht und Schatten, Physik und Chemie und das aufsehenerregende Warten auf den Moment des Zufalls. Aufdecken und zudecken heißen die Prozesse, freilegen, Sezieren. Umwandeln, Überlagern. Isolieren und in neue zusammenhänge stellen. Umorganisieren.

7. Wer Ist A&O ?

Im Grunde genommen sind wir keineswegs anti – individualistisch. Und wenn etwas gezeigt wird, steht auch meistens ein Name darunter. Der variiert, genau wie die Bearbeitung des Problems Reproduktion variiert. Da wir nicht nur arbeiten, sondern auch gucken und zuhören, kann man schließlich nicht ausschließen, dass auch wir noch etwas dazulernen.

 

Cosima Reif & André Werner, um 1990